Wellenflüg bei Hannover
[Heinz Steube
(Aus: "Luftsport" 11/64)]

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Dem bei der Luftwaffe in Wunstorf stationierten Feldwebel Knut Eichler, dem Zweiten bei der diesjährigen Meisterschaft der Luftwaffen-Sportfluggruppen  und Teilnehmer an der Deutschen Meisterschaft in Roth, gelang als Angehörigem der Luftwaffen-Sportfluggruppe Wunstorf ein für diese Landschaft sensationeller Höhenflug von 5500 rn, den er in dieser Höhe aus Sicherheitsgründen wegen der Gefahr des Sauerstoffmangels abbrach. Er erreichte damit die letzte Bedingung für die Gold-C.

Vorgeschichte
Die von Prof. Georgii erwähnten Möglichkeiten zum Wellenflug im mitteldeutschen Bergland wurden mehrfach durch erfolgversprechende Ansätze bestätigt.

Solche Berichte und die sich im Herbst und Winter immer wieder bildenden Lenticularis reizten schon lange die Wunstorfer Segelflieger, besonders Knut Eichler. Seit einem Jahr wurde ernsthaft das Wetter beobachtet und die Karten studiert. Mehrere Probeflüge brachten bis zu 2500 rn Höhe. Ernsthaft war für diesen Winter eine Fahrt nach Innsbruck oder in das südfranzösische Wellenparadies geplant, jetzt ist davon keine Rede mehr.

Gelände
Die Wellenlänge stimmt mit dem Abstand der rund 14 km voneinander entfernten Höhenrücken überein, wobei der stärkste Schwingungsimpuls durch den Deister ausgelöst wird. Die vierte nicht angeflogene Welle zeigte sich in einer über 6000 m hoch geschätzten Lenticularis an. Die Platzhöhe in Wunstorf beträgt 57 m über NN.

Das Wetter
Die synoptische Bodenkerte vom 11.10.1964, 18 Uhr, zeigte Hochdruckgebiete westlich der Kanarischen Inseln, über Nordost-Grönland und dem Ural. Das Zentral-Tief lag über der Nordsee mit Hauptkern über den Shetland-Inseln und Nebenkern bei London. Die umgebenden Fronten hatten folgenden Verlauf: Eine Warrnfront von Süd-Norwegen über Mittel-Schweden bis zu den Karpaten, eine schwache Kaltfront vom Kanal bis zu den Pyrenäen. Der Luftdruck am Platz betruq 990,7 mb.

Folgende Windmessungen gab die Wetterwarte Hannover an:

Höhe  Richtung 12:00Z Geschw.12:00Z Richtung 18:00Z Geschw. 18:00Z
9000 m  240°  42 kts  240°  51 kts
5400 m  230°  31 kts  230°  33 kts
3000 m  240°  27 kts  230°  23 kts
1500 m  220°  24 kts  220°  24 kts
900 m  220°  22 kts  210°  25 kts
300 m  220°  20 kts  200°  21 kts
Boden  210°  10 kts  140°  07 kts
Der Bodenwind wurde von der Wetterwarte in Wunstorf gemessen.

Die von Hannover um 12.00 Uhr gemessenen Temperaturen:

Höhe  Temperatur  Taupunkt
9000 m  -55°  -60°
5400 m  -27° -36°
3000 m  -9,5°  -20,5°
1500 m  -1°  -3,5°
900 m  +4,5°  -0,5°
300 m  +10°  +3,5°
Boden  +11°  +6°
Die Tropopause lag in 8760 m Höhe.

Die von Süden herangeführten Wolkenfelder zwischen 800 m und 1200 rn lösten sich im Verlauf des Nachmittags auf. Zwei schwache Inversionen lagen in 1700 m und 4000 in. Die Temperaturzustandskurve gibt die berechtigte Vermutung der Weilenbildung bei steigender Amplitude und geringerer Wellenlänge bis zur Tropopause.

Das Barogramm
Das Barogramm zeigt deutlich den Einflug in die Wellen und das Verlassen der dritten Welle aus einem noch sehr guten Steigflug. Außerdem den viermaligen Einflug in die dritte Welle zur Erforschung der unteren nutzbaren Grenze. Aus Zeitmangel und wegen sicherer Rückkehr zum Platz wurde kein tieferer Punkt mehr angeflogen.

Schleppflug
K. Eichler startete mit einer Ka 8 b im Schlepp einer Do-27 von Wunstorf aus. Die Do stand in ständiger Funkverbindung mit Hannover, da Wunstorf und Hannover eine Kontrollzone bilden und die Luftstraßen G9 und B5 in diesem Gebiet liegen. Im Schlepp von 40 Minuten wurde das ganze Gebiet noch möglichen Aufwindfeldern, unter Beachtung der Anweisungen von Hannover, abgeflogen. Nachteilig machte sich dabei das fehlende Funkgerät im Segelflugzeug bemerkbar.

Der freie Flug
Noch dem Ausklinken und einem Höhenverlust bis zum tiefsten Punkt des Fluges in 1400 m wurde die erste Welle nordwestlich Harneln zwischen Fischbeck und Hessisch-Oldendorf ausgeflogen und 2500 m Höhe erreicht. Nach 300 m Verlust bis zum Einflug in die zweite Welle zwischen Bad Münder und der Autobahn hob es die Ka 8 in dieser bis auf 3100 m. Die Oberquerung des Deister kostete 500 rn, über Barsinghausen begann erneut das Steigen. Mit anfangs fast 3 m/s ging es noch oben. Etwas Suchen war dann nötig, um das Gebiet des besten Steigens zu finden, danach ging es ständig mit 2 bis 1 1/2 m/s aufwärts. Südöstlich Wunstorf hatte sich eine große Lenticularis gebildet, die in 4000 m an der Luvseite überstiegen wurde. Trotz winterlicher Kleidung machte sich die zunehmende Kälte bemerkbar, die nachher in 5500 m -27°C betrug. Ruhig wie ein Brett lag die Ka8b, der Pilot konnte die frierendep Glieder massieren, verlor aber mit zunehmender Kalte die Lust am Flug. Zur Bewußtseinskontrolle wurde gerechnet und gezählt, die Luftraumbeobachtung gab bei den einwandfreien Sichtflugbedingungen keine Probleme auf.

In 5500 m Höhe war die Goldene-C geschafft; es kam der Entschluß zum Abbruch des Fluges. Im Slip mit gezogenen Klappen, bei kurzen Einflügen in die Welle, wurde Wunstorf erreicht und der Flug nach 3 3/4 Stunden beendet.

Quintessenz
Die Luftwaffen-Sportfluggruppe will die nächsten Flüge nur noch mit Funkgeräten ausführen, damit der Pilot in ständiger Sprechverbindung mit Hannover steht. Knut Eichler kennt seine Höhenfähigkeit aus mehreren Unterdruckkammeruntersuchungen, sonst hatte er einen Flug bis zu dieser Höhe nie gewagt. Auf Grund der Temperaturkurve und der Wetterbeobachtung, die in 6000 m eine über dem Südwestrand Hannovers geschätzte gut ausgeprägte Lenti zeigte, ist er der festen Überzeugung, daß Höhen bis 7000 m möglich sind.