Wellenflug vom 19.04.03 im Raum Tarmstedt
[Björn-Christian Michaelis]
Quelle: Luftsport 5/2003, S. 39

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Erlebnisbericht

Welle fliegen ist der Traum fast eines jeden Segelfliegers und dafür nehmen manche auch weite Anfahrtswege in die Gebirge in Kauf. Dass das Gute manchmal viel näher liegt als man glaubt, erlebte heuer zu Ostern der Tarmstedter Flugschüler Björn-Christian Michaelis von der Segelfluggruppe Brernen, als er eine Scherungswelle erflog. Fasziniert von dem Flug hat er seine Erinnerungen für Luftsport festgehalten:

Das seltene Glück, eine wohl eher ungewöhnliche und zugleich sehr schöne Flugerfahrung zu machen, hatte ich am Ostersamstag, zwei Wochen nachdem ich meine "C" geflogen hatte. Es war gegen Ende des Osterlehrgangs, der jedes Jahr bei uns am Platz stattfindet. Die Woche über war es schon sehr windig, doch am Samstag nahm der Wind nochmals zu und es schob sich eine mittelhohe Abschirmung über unser Thermikreich. Da morgens beim Briefing niemand wirklich Lust hatte zu fliegen, wurde beschlossen nicht aufzubauen. Als gegen Mittag der Himmel immer heller wurde und sicher war, dass es nicht mehr regnen würde, haben sich doch noch einige gefunden, die wenigstens ein paar Platzrunden fliegen wollten. Wir waren ungefähr fünf Flugschüler und fast genauso viele Fluglehrer, also nahmen wir unsere beiden Doppelsitzer, die ASK- 13 und die ASK-2 1, raus und schoben sie an den Start. Dort durfte ich dann gleich als Zweiter die 21 fliegen. Zu diesem Zeitpunkt riss die Abschirmung auf und weckte die Hoffnung auf ein bisschen Thermik. Also, rein in den Flieger, Fluglehrer angeschnallt und ab gings. Nach 5 Minuten Platzrunde wieder am Boden stellte sich mir die Frage, ob ich noch einen Start machen wollte. Eigentlich wollte ich noch mal mit Fluglehrer starten, doch ich entschied mich kurzfristig anders. Mein Glück! Denn mein nächster Flug wurde mein bisher einmaligster Alleinflug!

Der Start bescherte mir eine Ausklinkhöhe von guten 500 m (An dieser Stelle einen Dank an Sven den Windenfahrer!). Nach dem Ausklinken bin ich in den ersten Bart eingestiegen, der mich erst mal auf 600 m schraubte. Durch den Wind wurde ich aber so stark versetzt, dass ich zum Platz zurückfliegen musste. Dort fing ich wieder an zu kurbeln und wurde wieder versetzt. Nach einigen Minuten hin und zurück hatte ich ungefähr 750 m, wieder versuchte ich einen Bart zu zentrieren, der scheinbar mit bis zu 3 m/s zog. Beim Aufrichten zum Verlagern geschah dann das Merkwürdige. Ich stieg mit 3 m/s im Geradeausflug. Ich will noch einen Moment warten, bevor ich einkreise und steige weiter mit 3 m/s. Da dachte ich mir, wieso Kreisen wenn es auch im Geradeausflug geht. Also, den Vogel auf 70-80 km/h eingetrimmt und gestiegen. In 800 m war es dann so ruhig, dass ich den Knüppel loslassen konnte. In dem Moment, als ich die ersten Cumulusfetzen etwas unter mir vorbeiziehen sah, wusste ich, dass ich in eine Welle geraten war. Dann ging es rauf bis auf 1.700 m. Völlig ruhig und mit abnehmendem Steigen. Als ich dies per Funk durchgab, wurde ich erst mal ausgequetscht. Einer meiner Fluglehrer brachte sogar den Spruch: "Hey 2 1, flieg aber bitte nicht höher als 3.000 rn." Die Sicht war mit 10-15 km zwar nicht die beste, aber da ich meine Kamera dabei hatte, zog ich sie aus der Jackentasche, um ein paar Fotos zu machen. Ich schaltete sie ein und ... nix. Die Batterien waren aus dem Batteriefach gefallen (Danke, Kodak für die "unverwüstliche" Konstruktion der Klappe!). Einige Meter später schaffte ich es dann doch noch ein paar Fotos zu machen. Als mir das Steigen nun nach ungefähr 30 Minuten ausging, befand ich mich direkt über unserer Winde. Ich beschloss mit dem Wind dahin zu fliegen, wo das Steigen begonnen hatte. Meine Ohren hörten auf jede Tonänderung am EVario, in der Hoffung es geht noch mal hoch. Und tatsächlich, es ging noch mal mit 'nem halben Meter rauf. In 1.750 m stellte ich fest, dass der Wind mich ziemlich versetzt hatte und ich beschloss zurückzufliegen. Zudem war der Himmel schon wieder bedeckt und die Sonne verschwunden. Die 21 lag so ruhig in der Luft, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Viel zu schnell war ich wieder auf 1.300 m. Dort hatte ich noch einmal vermindertes Sinken, was aber eigentlich nicht erwähnenswert ist. Die restlichen 800 m wurden noch mal zu einem Stück Arbeit. Im Gegensatz zu oben war es hier wieder richtig bockig und ich musste mich konzentrieren, damit der so schöne Flug nicht noch durch die Landung verunglimpft würde. Kurze Zeit später stand die 21 ohne Fahrwerksschaden wieder am Boden. 

Ich bin am 19.04.03 um 15:02 (Ortszeit) gestartet und nach einer Stunde und zwei Minuten um 16:04 gelandet. Ich hatte einen Höhengewinn mit Thermik von ungefähr 250-300 m und mit der Welle von gut 1.000 m. Der Wind kam aus ungefähr 80' mit ca. 30-40 km/h am Boden und mit ca. 50-60 km/h in der Höhe. Die Temperatur hat zwischen 10 und 15 'C am Boden gelegen. 

Unser Meteorologe und einige andere erfahrene Piloten erklärten mir das meteorologische Phänomen als Scherwelle. Die ist wohl dadurch entstanden, dass die Abschirmung zur richtigen Zeit aufriss und durch kurze, aber schon kräftige Sonneneinstrahlung genug Thermik erzeugte und dem starken Wind ein ausreichend großes Hindernis darstellte. Die Luftmassen wurden nach oben umgelenkt, was sich mir als Welle deutlich machte. Des Weiteren wurde mir versichert, dass ich sehr viel Glück hatte, da so etwas gerade bei uns nur sehr selten ausfliegbar auftritt. Ich wollte auf jeden Fall mal Welle fliegen, aber dass es so schnell passieren würde, damit habe ich nun nicht gerechnet. An dieser Stelle noch mal: Vielen Dank an die Fluglehrer, die immer wieder die Geduld haben uns flughungrige Schüler zu beaufsichtigen.

Anmerkung:
Offenbar ist nicht abschließend geklärt, ob es sich bei der erflogenen Welle um eine durch Windscherung oder eine durch ein Konvektionshindernis ausgelöste Welle handelt.